Bart

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Der Bart machte ihn zu alt. Passte nicht. Abgesehen davon, dass ich sowieso nicht viel von Vollbärten hielt, waren sie meiner Ansicht nach in den Gesichtern von Teenagern fehl am Platz. Normalerweise hatte man es in solchen Fällen auch eher mit leichtem Flaum zu tun, doch mit was ich hier konfrontiert wurde, bewegte sich bereits im ausgewachsenen Gotteskriegerbereich.
"Der Bart macht dich zu alt.", warf ich ihm einen Gesprächsfetzen hin.
"Wie alt sollte ich denn sein?", wurde mir entgegnet.
"Was weiß ich? Vierzehn? Fünfzehn? Ist schwer zu schätzen... und mit dem Bart erst recht."
In dieser Art und Weise liefen die meisten Gespräche zwischen mir und dem Jungen ab. Es waren keine wirklichen Dialoge. Eher Zwiegespräche. Als würde man mit sich selbst reden. Oder mit einem eingebildeten Gesprächspartner.
Und das hatten wir ja bereits geklärt, oder?
"Wie alt hättest du mich denn gerne?"
"Komm' mir nicht schon wieder mit der Tour. Das geht mir langsam wirklich auf die Nerven."
"Und wenn ich sage, dass ich einfach so alt bin, dass es schon passt?"
"Dann gehst du mir auf die Nerven.", brummte ich.
So ging das dann immer weiter. Es brachte nichts. Ebenso gut hätte ich meine Zeit auch mit Fernsehen verplempern können. Komplett sinnfrei.
"Das Alter ist egal. Es kommt nur darauf an, dass ich kein alter Mann bin. Oder ein Kind. Oder eine Frau. Oder ein Mädchen. Eine alte Dame. Alles was zählt ist, dass ich ein Junge bin."
"Jaja, schon klar. Ist mir jetzt auch egal. Der Bart steht dir trotzdem nicht. Du siehst damit einfach nicht aus wie ein Junge. Was sollte das überhaupt mit dem Ding?"
"Ich find's schick.", antwortete mir der alterslose Typ.
Schick. Bärte. Ich verzichtete darauf eine endlos lange Tirade gegen Bärte zu führen, die alle möglichen Klischees von Essensresten bis zu kratzenden Küssen und Hägar-der-Schreckliche-Referenzen aufgefahren hätte und blickte stumpf in den Himmel.
"Ich heiße übrigens Amos.", sagte Amos auf einmal.
Da musste ich dann doch stutzen. Wie lange war das jetzt her seit der ersten Begegnung? Drei, vier Monate? Und ich hatte noch nie über seinen Namen nachgedacht. Es hatte sich auch bis jetzt noch nicht als notwendig erwiesen. Weder hätte ich ihn anrufen, noch sonst auf eine andere Weise finden können. Er tauchte einfach immer mal wieder in regelmäßigen Abständen auf. Und dann plauderten wir in dem altbekannten Pingpong miteinander und nichts änderte sich. Gar nichts.
Gar nichts?
"Amos, rasier' dich, bevor wir uns das nächste Mal sehen. Der Bart irritiert mich."
Und damit war das dann auch erledigt. Er stand auf, setzte sich auf sein Rad und fuhr weg.

Die Szene mit dem Rad hatte beinahe schon etwas beruhigend Traditionelles. Wenn die ersten Kontakte noch mit billigen Schockmomenten wie unerwarteten Telefonanrufen oder plötzlichem Auftauchen auf meiner Treppe gewürzt waren, liefen sie mittlerweile immer gleich ab.
Ich musste nur auf die Strasse treten, nach links blicken und sollte es einer dieser Tage werden, dann sah ich Amos aus dem Tunnel fahren. Auf seinem Rad. Wir würden uns auf das Geländer setzen, an dem die Räder der Hausbewohner angekettet wurden und dann palaverten wir in der altbekannten Art und Weise.
Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als ich ihn so auf mich zufahren sah.
Eine kurze Bestandsaufnahme meiner Lebensmittelvorräte brachte mich zu dem Schluss, dass ein Einkauf im nahe gelegenen Supermarkt nicht die schlechteste aller denkbaren Alternativen wäre. Also griff ich die Leinentasche mit dem Kante-Aufrduck, das Bottlebag und meine Umhängetasche und hüpfte die Stufen runter.
Kaum war ich vor der Tür, blickte ich instinktiv nach links und Amos... dessen Namen ich damals natürlich noch nicht kannte, sonst hätte ich vielleicht "Hey, Amos!" gerufen, denn "Hey, Junge!" hört sich ziemlich dämlich an, weshalb ich am Ende gar nichts rief....kam angeradelt.
Er hatte einen Rucksack dabei, der nicht zu ihm passte. Das lässt sich jetzt nicht so einfach erklären, denn eigentlich war es ein völlig normaler Standardrucksack. Ein Rucksack, der von jedem Menschen getragen werden kann, ohne dass man allzu viel Aufmerksamkeit darauf verwendet hätte.
Aber in diesem besonderen Fall, hing der Rucksack auf Amos' Rücken und strahlte Fremdartigkeit aus. Diese Tasche gehörte nicht zu ihm. Das spürte man förmlich.
Als er sein Rad gegen das Geländer lehnte, sprach ich ihn darauf an.
"Gefunden?", fragte ich mit einer Handbewegung Richtung seines Rückens.
"Nein. So kann man das nicht sagen.", antworte Amos.
"Sondern?"
"Es ist manchmal einfach so, dass ich in Situationen gerate, die ich mir nicht ausgesucht habe. Doch kaum entsteht eine solche Situation, weiß ich sofort, warum ich in ihr bin. Und dann handele ich automatisch."
"Ich frage ja nur, weil ich das Gefühl habe, dass er nicht dir gehört."
"Tut er auch nicht. Ich habe ihn aus einem Zug mitgenommen. Aber diese Handlung ist Teil einer anderen Geschichte, die mit dir nichts zu tun hat. Dass wir uns unterhalten, dass ich deinem Timing auf die Sprünge helfe spielt auf einer anderen Bühne. Der Rucksack ist das Bindeglied zu einem anderen Menschen in einem anderen Gefüge. Seltsam genug, dass ich ausgerechnet jetzt mit dem Ding rumgefahren bin. Das ist schon ewig her, dass ich den mitgenommen habe. Kann sogar in der Nacht gewesen sein, als wir uns im Park getroffen haben. Was für ein Zufall, nicht?"
"Hast du nie daran gedacht, ihn zurückzubringen."
"Wie gesagt... ich weiß immer nur dann, was ich machen muss, wenn die Situation akut ist. Und heute hatte ich einfach das Gefühl ich sollte das Teil mitnehmen. Weißt du, es ist ja nicht so, als wüssten die Menschen immer was ihnen fehlt. Also was ihnen wirklich fehlt. Erst wenn sie etwas wirklich suchen, kann ich helfen. Und diese Bereitschaft zum Suchen kannst du bei manchen mit der Lupe suchen."
Er schien tatsächlich ein bisschen stolz auf das doppelte Verwenden von Suchen zu sein. Ich selbst fand's sprachlich holprig, aber das wollte ich ihm in dem Moment nicht vor den Latz knallen.
"Also bist du eigentlich auf dem Weg zu dem anderen Kerl?"
"Anscheinend."
"Dann lass' dich nicht aufhalten. Ich will ja nicht dein Timing sabotieren."
"Das hat schon alles seine Richtigkeit.", pfiff er in den Wind, der ihn die Strasse runter trieb. "Deine Perspektive ist immer noch viel zu egozentriert. Begib' dich mal 'ne Ebene höher und beziehe nicht immer alles, was passiert, auf dich."
Ich begriff nicht, was das mit meinem Sabotagesatz zu tun hatte. Ich konnte es auch damals noch nicht begreifen.


tunneln :: nachbarn


Ungefähr drei Wochen waren seit des Telefonanrufs vergangen. Es war beinahe so, als habe es sich bei dem Vorfall um einen der vielen kleinen Abstecher ins Ungewisse gehandelt, die einem ab und an passierten. So wie der Moment, wenn es vor der Tür regnet und im Garten trocken ist. So ist das mit dem Regen. An einer bestimmten Stelle muss er aufhören. Und dann kann es schon einmal sein, dass man genau dazwischen steht. Man wundert sich. Man macht sich Gedanken über die Welt und ihren Weg ins Ungewisse und dann geht man seinen Tätigkeiten nach.
So verhielt es sich auch mit dem Jungen. Ich hatte noch zwei Tage lang den Anrufbeantworter angestarrt und bin mehrmals täglich den Tunnel entlang gegangen. Keine Theorie war abstrus genug, dass ich sie nicht in Erwägung gezogen hätte. Ich probierte es zu bestimmten Zeiten. Verlor meinen Schlüssel absichtlich im Park. Es schien alles möglich.
Doch ebenso wie sich die Regenwolken verkrümeln war auch dieser Zwischenfall irgendwann nichts weiter als ein kleiner Huppel, über den man mit seinem Fahrrad fährt. Es rumpelt kurzzeitig. Man strauchelt für den kurzen Moment, doch man hat das Radfahren gelernt. Nichts worüber man sich sorgen müsste. Kurz gegengelenkt, Blick geradeaus und weitergefahren.
Nichts also worüber ich mich sorgen musste.
Um im Bild des Radfahrers zu bleiben, flogen die Tage an mir vorbei wie Gullydeckel. Man beachtete sie nicht wirklich. Sie dienten als Abfluß für die Ereignisse und das Erlebte und genauso war es auch. Je nachdem wie schnell man fuhr, erfüllten sie ihre Funktion besser oder schlechter. Und ich fuhr. Schnell. Ich raste die Straßen entlang. Die Gullys hatten nicht einmal genügend Zeit sich von dem Dreck und Wasser der anderen Leute zu befreien. Ich raste an ihnen vorbei und nichts floß ab. Das Erlebte, die Ereignisse... alles rann den Rinnstein entlang und ergoß sich über die Stadt, bis die Straßen glitschig wurden. Ich trat schneller in die Pedale und mein Leben spritzte mir entgegen. Lachend wischte ich die Tropfen vom Gesicht und schaltete noch einen Gang höher bis die Beine schmerzten.
Fuhr über rote Ampeln, pfiff auf die Bordsteinkanten. Hier hielt mich niemand auf. Doch die Gullys waren überfordert. Keiner fühlte sich für mich zuständig. Und schließlich musste ich anhalten. Denn ich wusste nicht mehr wohin.
Ein Rumpeln riss mich aus dem Schlaf.
Nachdem ich mich einigermassen gesammelt, das Licht angeschaltet und den Blick auf die Uhr gerichtet hatte wusste ich, dass es kurz nach zwei Uhr morgens war. Mittwochs. Es rumpelte wieder. Dann hörte ich ein Grummeln. Es kam aus dem Hausflur.
Wahrscheinlich einer der Hausbewohner. Ich kümmerte mich nicht weiter darum.
Nichts worüber ich mich sorgen musste, oder?
Dann klingelte es bei mir.
In der Nacht sind alle Geräusche immer extrem aufdringlich. Kennt man doch. Wenn um einen herum alles in Stille liegt, dann kann schon das Aufheizen der Gastherme klingen, als stünde das ganze Haus in Flammen.
Es klingelte. Aber nur ganz kurz. Dann wieder ein Fluchen aus dem Flur. Kurz darauf ging das Licht an.
Na toll. Wieder einer, der den Lichtschalter mit der Klingel verwechselte.
Ich drehte mich auf die Seite und versuchte wieder in den Schlaf zu fallen. Doch das Gepolter war wiederkehrend. So eine Scheisse.
So wie Geräusche in der Nacht übertrieben aufdringlich waren, so ungeduldig war ich mit der Zeit.
Sekunden kamen mir vor wie Minuten. Minuten wie Ewigkeiten.
Kurzum. Ich war gehörig genervt von dem Lärm und beschloß ihm ein Ende zu bereiten.
In Shorts und Shirt ging ich barfuß über den kalten Boden zu meiner Haustür. Durch das Glasfenster sah ich die Umrisse eines Mannes. Ich öffnete die Tür.
"Entschuldigung aber würde es ihnen was ausmachen, etwas leiser zu sein, ich würde nämlich gerne schlafen?", mäkelte ich.
Der schwankende Mann entpuppte sich als jemand, der schätzungsweise so alt war wie ich. Er schaute mich mit glasigen Augen an.
"Oh, Herr Nachbar. Wir lernen uns endlich mal kennen. Auch wenn die Umstände vielleicht nicht die besten sind."
Mein Nachbar. Ich hatte eigentlich in Erinnerung, eine Nachbarin zu haben. Englischlehrerin hiess es. Der Kerl hier vor mir, war zumindest ziemlich besoffen. Er lallte schon merklich und roch nach Alkohol.
"Nachbar?", fragte ich nach. "Seit wann wohnst du hier?"
"Seit knapp zwei Wochen. Ich wollte mich eigentlich schon vorstellen, aber man kennt das ja, Die Zeit ist nie richtig für sowas."
"Die Zeit ist auch jetzt nicht gerade perfekt.", entgegnete ich.
"Tut mir leid. Aber ich wollte nicht bei dir klingeln. Ich hab' den Lichtschalter einfach nicht gefunden. Und meinen Schlüssel finde ich anscheinend auch nicht."
"Schon alle Taschen abgesucht?"
"Klar. Mehrfach. Auch meine Umhängetasche. Der ist nicht da. So ein Mist."
Zufällig durch den Park gegangen ist er wohl nicht, dachte ich mir.
"Und ich bin mir sicher, dass ich ihn in diesem Park noch hatte.", sagte mein Nachbar.
Ein Gullydeckel hielt dem Druck nicht mehr stand und wurde in die Luft geschleudert. Ich konnte gerade noch ausweichen. Und ich konnte auch Radfahren. Es gab absolut nichts worüber ich mich zu sorgen hatte.
"Kinderspiel.", sagte ich und holte mir ein paar Klamotten. "Wir gehen deinen Schlüssel holen. Kannst du Radfahren?"
Mein Nachbar war zwar ziemlich dicht, aber meine Worte reichten aus, einen verstörten Gesichtsausdruck hervor zu rufen.
"Ich bin früher BMX gefahren.", antwortete er.
"Schön."
Er hatte keinen blassen Schimmer, dass wir uns auf glitschigem Terrain bewegten, aber ich wollte ihn nicht noch mehr verunsichern. Auf gute Nachbarschaft. Immerhin war er so betrunken, dass er nicht in der Lage war wirklichen Widerstand zu leisten und nachdem ich mir eine Hose und Sweater übergezogen hatte und die nächstbesten Schuhe angezogen hatte, gingen wir beide in den Park.

Es war eine beschissene Nacht. Kalt und Nass. Regen fiel. Ich hätte mir eigentlich auch noch eine Jacke anziehen sollen. Einen Schirm hätte ich mir mitnehmen sollen. Leicht fröstelnd bewegten wir uns auf die Stelle zu, an der ich meinen Schlüssel gefunden hatte.
Mein Nachbar erzählte. Wenn ich meinen Nachbar charaktisieren müsste, würde ich diesen Satz als ziemlich treffend bezeichnen. Er erzählte gerne. Und viel. Und immer. Also. Zumindest wenn wir zusammen saßen. Er konnte erzählen. Und das tat er auch jetzt.
Ich erinnere mich nicht mehr daran, wovon er erzählte. Es handelte von dem Abend. Warum er jetzt so voll war und all das Zeug, was immer nur dann richtig interessant ist, wenn man selbst mit dabei war.
Eigentlich bin ich ein guter Zuhörer aber ín dieser Situation, ging es nicht. Alles ging rein und raus. Er hätte mir einen Mord beichten können. Es wäre mir egal gewesen. Andererseits war es auch beruhigend.
In dieser nasskalten Nacht.
Ich ging zielstrebig auf den Park zu. Mein Nachbar war endlich still. Warum eigentlich? Wieso war der auf einmal still?
Kein Wunder. Er hatte sich einige Meter zurückfallen lassen und hantierte mit etwas in seiner Hand herum.
Der Regen prasselte auf die Strasse. Alles war in einen orangenem Licht. Diese verdammten Strassenlaternen mit ihrem Licht. Bei mir war es niemals richtig dunkel. Nicht so wie im Bayerischen Wald. Dort konnte es dunkel werden. Und still.
Hier nicht.
Mein Nachbar hatte eine Digitalkamera in der Hand und fotografierte eine Pfütze.
"Schau dir das an", rief er begeistert. Er sah seltsam aus. So wie er dastand. Im Regen. Tropfen auf seinem Gesicht, alles in orange eingefärbtem Licht. Dazu ein alkoholseliges Grinsen und die ganze Zeit bemüht die Kamera vor dem Wasser zu schützen.
"Schau dir das an, ist das nicht wunderschön?"
Er deutete auf die Pfütze und es war wirklich wunderschön. Die Regentropfen fielen auf eine kleine Pfütze, in der sich eine Strassenlaterne spiegelte. Jeder Tropfen wurde reflektiert. Es sah aus wie eine Wunderkerze. Wie paradox. Eine Wunderkerze, die Funken sprüht, findet sich wieder in einer Pfütze voll Wasser. In einer scheisskalten Nacht. Und ich lernte meinen Nachbar kennen. Ich konnte meinen Blick nicht von der Pfütze lassen. Ich sah nur noch eine Wunderkerze und hatte Flashbacks von vergangenen Silvesterpartys. Ich fühlte ein unglaubliches Verlangen Irgendjemanden in den Arm zu nehmen und ein frohes neues Jahr zu wünschen. Doch wäre das im Oktober etwas kauzig rübergekommen. Also begnügte ich mich mit der minimal emotionalen Variante und nickte meinem Nachbar wortlos zu.
Ich fragte mich, wie häufig sich Menschen gegenüber stehen, und nichts weiter wollten, als dem Gegenüber um den Hals zu fallen, Konfetti zu werfen und die Großartigkeit des Moments zu feiern, und dann nicht mehr von sich preis geben als ein Nicken.
Die Situation ging mir zu nah. Ich fühlte mich überfordert. Und alles was mein Nachbar dazu beisteuerte, war weitere Fotos zu schiessen. Seine Aufmerksamkeit hatte sich von der Wunderkerze schon längst zu anderen Objekten verschoben und wahrscheinlich hatte er längst vergessen, dass wir eigentlich seinen Schlüssel suchten. Und zwar in diesem Park. Und nur, weil ich einen Zusammenhang zu erkennen glaubte. Weil ich sicher war, dieses Rad fahren zu können. Hatten meinen Reifen überhaupt genügend Luft? Was war mit den Lampen? Hielten die Batterien? Es war immerhin Nacht.
Ein Jubelschrei ertönte links von mir. Mission erfolgreich. Schlüssel gefunden.
"Dein Timing wird besser.", hörte ich es von rechts.
Ich drehte den Kopt in die Richtung und sah in das Gesicht des Jungen. Die Kapuze seines Pullis über den Kopf gezogen grinste er mich an. Dann setzte er sich auf sein Fahrrad und fuhr Richtung Tunnel.
"Halt. Bleib' stehen.", schrie ich. Und dann rannte ich hinterher. Ich rannte so schnell ich konnte, doch er war schneller. Als ich an die Strasse kam war er schon verschwunden.
Mein Nachbar war mit gefolgt und schaute mich etwas verwundert an?
"Alles in Ordnung? Was war denn los?"
"Hast du den Jungen auf dem Fahrrad gesehen? Hast du ihn gesehen?", schrie ich ihn an.
"Ja und? Was ist mit dem?", fragte er zurück.
Was sollte ich darauf antworten?
"Ich dachte ich würde ihn kennen..."
"Das hat sich aber nicht wirklich so angehört.. komm mal wieder runter."
Runterkommen? Guter Tipp. Aber man kann nicht mitten in der Fahrt vom Rad springen. Das ist nicht vorgesehen. Mein Nachbar konnte es. Er saß nur auf dem Gepäckträger. Da fällt es leicht. Aber der Fahrer. Der Fahrer muss erst einmal bremsen. Langsamer werden.
"Lass uns zurück gehen, mir ist kalt. Und ich bin müde."
Wir gingen zurück und jeder sperrte seine Tür auf.
"Ich würde dich ja jetzt noch auf nen Tee einladen oder so. Aber da du so fertig bist, verschieben wir das auf ein andermal. Immerhin haben wir uns endlich mal kennengelernt."
"Ja. War zwar eine etwas seltsame Situation, aber es hat auch sein Gutes."
"Gute Nacht, Nachbar."
"Gute Nacht."
Er schloss die Tür auf, ging hinein und zog die Tür hinter sich zu. Ich stand noch einen Moment unschlüssig da. Dann schaute ich auf sein Klingelschild. Smen Tulla.
Okay, Smen, dachte ich. Du bist also mein Nachbar.
Und du hast den Jungen auch gesehen.
Es war mir noch nicht wirklich klar, ob ich das als beruhigend empfinden sollte oder nicht. Ich hätte vielleicht damit leben können, mir eine seltsame Figur vorgestellt zu haben, die als Quasigewissen fungierte. Eine Figur, die nur ich sehen konnte. Aber dieser Junge war real. Ich musste einen Weg finden, das alles besser einzuschätzen.
Man konnte nicht einmal sagen, dass ich ein dumpfes Gefühl hatte, Smen würde mir in dieser Geschichte helfen. Es war ein Hammerschlag . Volle Breitseite. Dumpfe Gefühle waren Vorahnungen, doch dieses Gefühl war Gewissheit.
"Ich bin früher BMX gefahren", hatte er gesagt. Und darum ging es doch. Man musste nur Radfahren können. Dann brauchte man sich nicht zu sorgen.
Das Telefon klingelte.
Ich ließ es klingeln.


tunneln :: kreiseln

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Es nahm eine Woche lang alles seinen normalen Gang. Nichts worüber ich mich wundern mußte. Beinahe schon beängstigend normal.
Ich stand auf. Ging arbeiten. Jeden zweiten Tag ging ich ich den üblichen Weg laufen.
Als ich es einmal nachmaß, kam ich auf knapp 8 Kilometer. Das hörte sich gut an. Die Zeit blieb ungefähr gleich, doch die Fitness nahm zu.
Das Laufen brachte jedesmal den nötigen Abstand. Abstand zu meinem Gefühlschaos. Abstand zu der unsicheren Zukunft. Abstand zum Körper. Abstand zur Stadt.
Die Stadt war mein Bindeglied zu meinem alten Leben. Einige Jahre verschlug es mich an einen anderen Ort.
Doch dort war kein Grund in Sicht.
Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich tatsächlich meinen Anker auswarf. Wenn ich es tat, dann fiel er nur ins Bodenlose. Immer tiefer. Kein Grund in Sicht.
Es konnte nicht so weitergehen. Natürlich war es nicht so, daß die Stadt mich zurückrief. Städte rufen dich nicht zurück.
Sie schreiben dir keine Emails. Sie sind völlig neutral.
Ich dachte sie hassen.
Sagte ich das?
Aber ja.
Dann hatte ich mich geirrt. Städte waren ja noch nicht einmal konkret zu benennen. Was war schon eine Stadt? Ein geographisch abgegrenztes zweidimensionales Gebilde auf einer Karte?
Nein, weiß Gott. Das hatten wir schon. Es gab unzählige wahrgenommen Städte. Konstituiert von den raumkonstituierenden Elementen.
Bitte?
Das war zu tief drin in der Materie. Ich beließ es erst einmal dabei. Sollten sich doch die Leute, die darüber mehr wissen wollten selbst mit der Soziologie des Raumes beschäftigen. Ist doch nicht mein Problem.
Es war also alles ganz normal.
Ich lief die 8 Kilometer mal links rum. Mal rechts rum. Manchmal kam ich nach Hause, meine Knie schmerzten und ich dachte darüber nach, einen Orthopäden aufzusuchen. Manchmal konnte ich ein Weinen nur schwer unterdrücken. Manchmal heulte ich einfach nur.
Ganz normal. Nichts, was nicht tausendmal täglich irgendwo auf diesem Planeten passierte.
Es gab auch die Tage, an denen es anders war. Doch die wurden rarer. Die Normalität wurde von Trübseligkeit beherrscht.
Der Herbst wußte nicht so recht wohin mit sich. Er kam angetrottet wie ein kleiner unsicherer verzogener Bengel. Mit einem mal stand er vor mir und bleckte die Zähne. Spuckte mir vor die Füße und begann mich tierisch zu nerven. Ich verfluchte ihn und schrie ihm ins Gesicht, daß er sich verziehen solle.
Unsicher wie er war zögerte er, die Spucke tropfte noch von seiner Lippe und er setzte sich trotzig auf den Rinnstein.
Und so saß er dann jeden Tag vor meiner Haustür. Trotzig. Aber er traute sich noch nicht so richtig. Seltsamer Herbst.
Er würde viel zu schnell erwachsen werden und dann so mir nichts dir nichts als ausgewachsener Winter vor der Tür rumlungern. Unerbittlich. Und mit Flüchen nicht einzuschüchtern.
Er würde mit mir verwachsen. Und viel zu lange bleiben. Und dann irgendwann würde er ein Mädchen kennenlernen. Heiraten. Zusammen ziehen. Fort ziehen. Platz machen für den Frühling.
Aber das würde ja noch dauern.
Zuerst einmal mußte ich mit der Rotznase fertig werden.
Die Abende verbrachte ich neben dem Laufen mit allerlei normalen Dingen. Ich checkte Emails. Ich las. Hörte Musik und begann mit der Arbeit an einer neuen Kompilation. Also nicht wirklich Arbeit. Es war eher das Verfassen eines Skripts ohne Taten folgen zu lassen.
Die übliche Arbeitsweise.
Jeden morgen und jeden Abend fuhr ich mit dem Rad durch den Tunnel. Doch es war ganz normal.
Je häufiger du das Wort 'normal' benutzt, desto unheimlicher wird mir das. Das ist doch ein ganz billiger Effekt. Diese Wiederholungen. Du sagst immer nur: Es war normal. Es war normal. Und dann machst du weiter mit...
...einem Satz wie:
Doch dann sah ich den Jungen wieder.
Etwa so in der Art.
Enttäuschenderweise gab es da aber nichts zu erzählen. Der Junge im Tunnel schien ebenso eine einmalige Geschichte zu sein und gehörte nun ebenfalls zur Ablage, wie andere einmalige Ereignisse. Die Ablage.
Mein Gefühlsleben glich objektiv betrachtet - wenn ich damit auch ein zwar blödes aber anschauliches Bild verwendete - meinem Schreibtisch. Wenn man sich in den durchaus bequemen Stuhl setzte befand man sich vor einem Schreibtischpanorma, daß eine Ansammlung von Analogien beherbergte. Da befand sich auf der linken Seite eine Ablage aus drei Plastikkörben.
Jedesmal wenn es ans Aufräumen ging, verschwanden einige Blätter, Briefe und Kirmskrams in den dafür vorgesehenen Endlagern. Abgepackt für die Ewigkeit. Wichtige Dokumente in dicken Leitz-Ordnern. Mit Registern. Krimskrams wanderte in den Papierkorb. Und dann gab es die ewigen Gäste. Die ließen sich nicht ohne Weiteres abheften. Es gab einfach noch keinen Platz für sie. Und so dämmerten sie Tag für Tag. Jahr für Jahr in der untersten Ablage vor sich hin und warteten auf ihr Schicksal.
Und jedesmal setzte ich mich wieder vor den Schreibtisch und nahm mir vor, Ordnung reinzubringen. Staub zu wischen. Geschirr abzuräumen. Das ging leicht. Aber die Ablageveteranen saßen auf der Kante des Plastikkorbes und spielten Karten. Sie grillten und schaukelten in ihren alten knarzigen Stühlen.
"Howdy, willst uns wieder loswerden, was?", kauderwelschten sie in lächerlichem Hickoryslang zu mir rüber.
"Tja, mein Freund. Uns wirste nich einfach so los. Wir haben dir gedient. Und jetzt, wo der Krieg vorbei ist und wir zurück sind läßt du uns im Stich. Wir wissen nicht wohin mit uns."
Das wußte der Herbst auch nicht, der unten auf der Straße gerade damit begonnen hatte, Kiesel gegen vorbeifahrende Autos zu werfen.
In solchen Momenten half es, einfach einen Joghurt zu essen. Mit wenig Kalorien. Wenig Fett. Also ein Joghurt aus Nichts.
Den Rest des Schreibtischs konnte ich übergehen. Dazu gab es nicht viel zu erzählen. Was hatten auch Plattenspieler mit Ablagekörben zu tun? Nur insoweit, dass Musik hilft. Es hilft beim Sortieren. Mit dem richtigen Beat, mit der passenden Stimmung erledigt sich das Einordnen wie von selbst.
Einmal ging ich bewußt spät aus dem Haus, den Tunnel zu beobachten. Ich schaute den Motorradfahrern zu, die mit wahnwitziger Geschwindigkeit versuchten die Grünphasen mitzunehmen.
Ich hielt mir die Ohren zu, wenn Notarztwagen kamen.
Und ich kam mir alles in allem ziemlich bescheuert vor.
Wieder musste ich an das Schafsmannbuch denken, dass mich so unnachgiebig gegen die Wand geplatscht hatte. Der Held war ein Mann von vierundreißig Jahren. Nun gut. Das hatte ich noch nicht ganz erreicht. Aber es war auch nicht mehr in weiter Ferne. Und er starrte Gegenstände an. Man wurde seltsam, wenn man alleine lebte.
Man hatte einfach zuviel Zeit. Man wußte nicht wohin mit der Energie. Und man hatte keine Person, die einen wortlos umarmte. Küsste. Man hatte haufenweise Menschen um sich herum. Die auch kein Wort sprachen. Aber diese Menschen umarmten mich nicht. Sie küssten mich nicht.
Sie schrieben mir auch keine eMails. Und sie riefen nicht an. Sie waren in ihrer Gesamtheit die Stadtbevölkerung. Sie bildeten sich ihre Stadt. Ihre Städte. Sie waren mir fremd. Oder ich war fremd.
Mir bekam das gar nicht. Dieser Zustand. Ich brauchte eigentlich dringend Abwechslung.
Stattdessen stand ich vor dem Hafentunnel und starrte hinein. Ich hatte mir einen Flasche Wasser mitgenommen und den MP3 Player mit dem neuen Album von International Pony bespielt. Damit ging es.
Die Tracks umplätscherten mich wie ein erfrischendes Gebirgsbächlein. Eines von der Sorte, in das man immer seine Füsse tauchte, wenn man eine Wandertour unternahm. Mit klarem Wasser. Und wenn man sich die Zeit nahm, etwas länger verweilte und genauer hinsah, entdeckte man die Vielfältigkeit der kleinen Steinchen. Man fand einen Ast. Man sah vielleicht ein Insekt. Einer der Momente von der Sorte... "Hach, das Leben ist so facettenreich."
Das Gebirgsbächlein stand in krassem Gegensatz zu dem Hafentunnel. Hier plätscherte nichts.
"'Es ist gnull nau uhr.", sagte der Nachrichtensprecher im Intro zum nächsten Track. Ich lächelte. Ich liebte diesen Sample. So wie man Samples lieben kann.
Als das Album zu Ende war, fiel es mir wieder ein. Ich brauchte Abwechslung. Ich brauchte Gesellschaft.
Es war viel zu leicht sich alleine zu bewegen und dabei in endlosen Kreisen und Schlaufen immer wieder an den selben Punkten zu hadern. Diesen Zustand nannte ich für mich Kreiseln. Und das allein aus dem Grund, weil ich einfach nicht wußte wie dieses Spielgerät hiess, dass mich als Kind immer schon begeisterte. Da gibt es diese runde Platte mit einem Rad in der Mitte. Man drehte das Rad und der Rest der Platte setzte sich in Bewegung. Man mußte nur irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Absprung finden, sonst wurde einem schlecht. Problematisch waren dabei die anderen Kinder, die anderen Spielgeräte. Man konnte nicht überall hinspringen. Denn je nach Geschwindigkeit musste die Landebahn kalkuliert werden. Es wäre reichlich dämlich gewesen direkt in die Wippe oder Schaukel hineinzugeraten.
Und so ging es mir beim Kreiseln. Wenn die Gedankengänge zu schnell, zu wirr, zu repetitiv wurden merkte ich langsam wie der Kloß im Hals dicker wurde. Die Augen feuchter. Die Mundwinkel schlaff herab hingen und dann war mir klar, daß ich schnell den Absprung schaffen musste. Es ging wieder an das Konzentrieren. Wo war der günstigste Punkt? Welcher Gedanke würde mich in die richtige Richtung katapultieren? Raus aus dem Kreislauf. Zurück auf den Boden der Tatsachen.
"Aye, bei uns wirste den nich finden.", sagte einer der alten Veteranen auf der Ablage. "Wir lassen dich nich runter vom Karussell."
Kreisel!, dachte ich wütend. Kreisel. Nicht Karussell.
Aber sie hatten Recht. Ich musste einen der Ordner bemühen. Wichtiges 2005-2006. Ich fand ihn relativ schnell. Ich verschaffte mir blitzschnell einen Überlick. Verfolgte Querverweise und fand den Gedanken, den ich benötigte.
Ich landete unsanft auf dem Sandboden und es war mir noch ein bisschen schwindelig.
Also drehte ich mich um und ging zurück zu meiner Wohnung. Als ich herein trat, traute ich meinen Augen kaum. Die Lampen auf meinem Anrufbeantworter blinkten.
Mist. Sofort war ich wieder auf dem Kreisel zurück.
"Na Junge, nich so leicht, was? Uns fällt das Leben auch nich leicht." rauntzen mir die Ablageveteranen zu.
"Haltet doch einfach die Klappe!", schrie ich sie an. Mann, kam ich mir bekloppt vor.
Nachdem ich kreiselnd alle Erwartungen gestreift hatte, wer denn nun aufs Band gesprochen haben könnte, drückte ich herzklopfend auf den Knopf.
"Timing! Es geht ums richtige Timing! Alles nur Timing.", sagte eine jung klingende Männerstimme. Oder eine jung klingende Jungenstimme. Oder einfacher gesagt eine Jungenstimme.
"An deinem Timing können wir arbeiten. Bis später."


tunneln :: Kälte

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Ich schloß die Tür hinter mir und schaute auf den grauen Linoleumbelag des Treppenabsatzes. Mein Blick streifte die Plastikpflanze, die mich teilnahmslos grüßte und zog weiter an dem graulackierten Holzbeschlag des Treppenhauses vorbei zum kleinen Fenster, daß den Blick nach Draussen freigab.
Gemächlich setzte ich mich in Bewegung und stieg die Stufen zu meiner Wohnung im 1. Stock hinauf.
Ich wühlte in meiner Hosentasche. Erst rechts. Dann links. Dann die hinteren Taschen.
Nichts.
Die Suche weitete sich aus auf die Jackentaschen. Erst rechts. Dann links. Links. Die linke Tasche war aufgeschlissen. Ein Wunder, daß die Tasche sich überhaupt noch an der Jacke hielt.
Nichts.
Ich versetzte der Wohnungstür einen imaginären Tritt. Dann begann ich zu überlegen.
Wo konnte ich den Schlüssel verloren haben? Ich hatte ihn vorhin noch bei mir. Das war sicher. Er konnte beinahe überall sein.
Nein. Nicht überall. Ich konzentrierte mich. Ich bin nicht überall gewesen. Es waren ganz bestimmte, identifizierbare Orte. Zu ganz bestimmten Zeiten. In ganz eindeutigen Konstellationen.
Eindeutig?
Wem machte ich etwas vor?
Vor meinem geistigen Auge ließ ich die letzten Stunden noch einmal ablaufen.
Es war Dämmerung und ich schlenderte von meiner Wohnung Richtung Main.
Sehr gut. Sehr gut. Immer schön dranbleiben.
Wo ging ich lang? Erst rechts? Dann links?
Rechts.
Der Weg führte über die Eisenbahnbrücke. Ich erinnerte mich, daß ich mehrere Minuten innehielt und den Blick auf Frankfurt ruhen ließ. Ich pickte dabei nicht einzelne Fixpunkte heraus.
Es war der Weg, den ich üblicherweise auch zum Laufen nutzte. Dabei mochte ich die Unmöglichkeit sich auf bestimmte Gebäude zu fixieren. Das Vorwärtslaufen, das Achten auf den Untergrund. All das versetzte mich in einen fließenden Rhythmus.
Um den gleichen Effekt zu erzielen bewegte ich meinen Kopf ständig hin und her. Ich ließ die Stadt auf mich wirken.
Ich fragte sie, was sie gegen mich hatte. Warum sie mich so hasste. Doch die Stadt antwortete nicht.
Wenn man keine Antwort erhält, dann braucht man nicht länger zu bohren. Manchmal erhält man keine Antwort.
Die Stadt würde mich nicht anrufen, um es mir eines Tages zu sagen. Sie würde mir keine Email schreiben.
Also ließ ich die Stadt mit meiner Anklage allein und ging weiter am Südufer des Mains entlang.
Es waren nicht sehr viele Menschen unterwegs.
Das lag zum einen an der heraufziehenden Kälte, zum anderen an dem leichten Nieselregen, der erst vor wenigen Minuten verschwunden war.
Trotzdem begegnete ich Joggern. Inlineskatern. Eltern. Elternteilen. Ich sah Leute wie mich. Sie wussten nicht so recht wohin mit sich. Also beschlossen sie wie ich, die Zeit totzuschlagen. Am Main.
Das Maincafé hatte schon geschlossen, doch es saßen immer noch ein paar Gruppen auf den Bänken und unterhielten.
Ich schielte eifersüchtig auf die Pärchen. Ich hielt solche Gefühle für ein Zeichen von Leben. Ich hatte innerlich eine Heidenangst vor dem Tag, an dem ich solche Bilder nur mehr als gleichgültig empfand.
Angst mit dem Alleinsein?
Ich hatte keine Angst.
Ich holte meinen MP3-Player aus der Jackentasche und scrollte durch die Songliste. Nach einigem hin und her entschied ich mich für MIA..
Die Kritiker entluden ihre ganze Gülle auf diese Band. Musikkritiker mochte ich immer dann, wenn sie meiner Meinung waren. Dadurch verloren sie ihre komplette Funktion. Und das war mir willkommen gleichgültig.
Den ersten Track summte ich mit und wurde beinahe von einem Wahnsinnigem auf einem Mountainbike umgefahren, den ich nicht bemerkt hatte.
Wie auch. Er fuhr unglaublich schnell. Hatte ich noch nie verstanden, weshalb die Radfahrer, Inlineskater und sonstigen mobilen Menschen, sich ausgerechnet Flanierwege herauspickten, auf denen sie dann ihren Geschwindigkeitsrausch erleben wollten. Dadurch regten sich am Ende alle auf. Die Fußgänger. Die Jogger. Die Inlineskater. Die Radfahrer. Die Nordic Walker. Leute wie ich.
Schweifte ich zu sehr ab?
Du schweifst ab.
Worum ging's?
Dein Schlüssel.
Genau. Mein Schlüssel.
Zu dem Zeitpunkt der Beinahekollision hatte ich ihn noch. Er war in der gleichen Tasche wie der MP3-Player.
Sehr gut. Konzentriere dich weiter. Bleib' dabei.
Ich passierte den Eisernen Steg und entschied mich, den Weg über die übernächste Brücke zu nehmen. Vorbei am Portikus. Vorbei an der Alten Brücke. Vorbei an... war da nicht was?
Aber ja. Als ich den Weg auf die Ignatz-Bubis-Brücke nahm, bemerkte ich zuerst ein blaues Blitzen. Zweimal blaues Blitzen.
Polizei.
Es war unterhalb der Flößerbrücke auf der Nordseite. Unten am Fluß. Ich versuchte näheres zu erkennen. Doch ich sah nichts.
Dann sah ich auf die Brücke selbst. Feuerwehrwagen. Polizeiwagen. Krankenwagen. Blaulicht.
Wieso hatte ich das vorher nicht gesehen?
Zwei der Feuerwehrwagen hatten ihre Leitern herausgefahren in Richtung des vorderen Brückenpfeilers.
Ein Selbstmörder. Oder ein Verwirrter. Oder eine Selbstmörderin. Eine Verrückte. Ein Pärchen?
Dann sah ich noch etwas weiter nach oben und entdeckte, dass wir Vollmond hatten. Oder beinahe. Das konnte ich nie so richtig einschätzen. Die Faustregel mit zunehmend und abnehmend und dem Schreibschrift "z" und "a" hatte ich nie kapiert.
Warum war mir das erst jetzt aufgefallen?
Genau. Es hatte geregnet. Die Wolken hatten sich gerade erst gelichtet und das erste, was der Mond hier in Frankfurt erblickte, war diese Inszenierung auf dem Brückenpfeiler.
Ich beschloß, die nächsten Tage auf eine Meldung in der Zeitung zu warten. Damit war meine Sensationslust befriedigt.
War der Schlüssel noch da?
Die Welt konnte mich mal mit dem bekloppten Schlüssel. Ich versuchte gerade mich zu erinnern.
Du erinnerst dich. Aber du suchst nicht nach dem Schlüssel. Du erzählst nur. Du schwafelst von Brücken. Und von Vollmond. Wie lange willst du noch hier im Treppenhaus stehen?
Ich stand tatsächlich immer noch im Treppenhaus. Das Licht war mittlerweile erloschen und ich war keinen Schritt weiter. Sollte ich einfach loslaufen?
Nein. Ich mußte den Suchort eingrenzen. Also wo ging es hin... nein... falsche Frage. Wann hatte ich den Schlüssel noch? So muß ich vorgehen.
Hatte ich ihn noch, als ich an den Booten vorbeilief? Was hatte ich da gemacht?
Es war eine ganze Armada von Booten, die wie kleine Hotels daherkamen. Mit Rezeptionshalle. Restaurants. So wie es aussah, gehörten mehrere Schiffe zu einer Organisation. Euro Cruise. Im Restaurant des ersten Schiffs war gerade Dinner angesetzt. Die Tische voll besetzt und die Kellner im Eiltempo.
Ich ging etwas langsamer und schaute durch die Fenster. Es war lustig. Man konnte direkt in die Küche glotzen und den Menschen beim Arbeiten zusehen. Wie sie die Teller anrichteten. Es war wie in einem Fernsehstudio, wo man Kulissen hatte, die nach vorne nicht geschlossen waren und trotzdem hatte man im fertigen Film den Eindruck einer richtigen Wohnung.
Ich ging an der Rezeption vorbei. Die Zimmer waren alle dunkel. In der Waschküche rotierten die riesigen Trommeln. Ich sah nur Füße in weißen Socken in Sandalen.
Oben auf dem hinteren Deck die Lounge. Mit Sofas. Tiffanylampen. Klavier. Bar.
An einem Tisch hockten die Angestellten der Bar und rauchten.
So ging das dann noch bei sechs Schiffen weiter. Uniforme Ausstattung. Doch nur eines hatte die Sofas in der Lounge. Und nur ein Restaurant hatte Hochbetrieb.
Taxis fuhren den Kai entlang und luden Leute aus und ein.
Ich hatte so etwas noch nie richtig wahrgenommen. Luxusdampfer. Die waren mir ein Begriff. Aber hier? Auf dem Main?
Die Aida in Low Budget Ausführung?.
Aber ich hatte den Schlüssel noch. Denn ich suchte nach einem Kaugummi. Und da war er noch in meiner Hosentasche.
Du langweilst mich. Ausserdem ist mir kalt.
Ich hatte die Tür geschlossen. Wegen der eindringenden Kälte. Doch ich fröstelte leicht. Ich drückte auf den Lichtschalter an der Wand und das Treppenhaus wurde heller. Immerhin. Ich wollte nicht im Dunkeln stehen. Das kam mir kauzig vor.
Langsam blieben nicht mehr viele Möglichkeiten, denn auf meinem Spaziergang war ich schon fast wieder in der Nähe meiner Wohnung.
Wenn ich lief, dann nahm ich üblicherweise die Straße direkt auf den Tunnel zu.
Aber diesmal bin ich einen anderen Weg gegangen.
Na also. Langsam kommen wir der Sache doch näher.
Diesmal dachte ich, es sei eine nette Alternative die Routine zu brechen und so ging ich Richtung Behördenzentrum. Und dann durch den kleinen Park zu mir zurück.
Verdammt. Jetzt fiel es mir ein.
Ich hatte tatsächlich den Weg durch den Park genommen und mußte mir die Nase putzen. Das tat ich unachtsam. Wie so viele Dinge, die man immer und immer wieder ausführt. Man macht sich nicht jedesmal Gedanken darüber, wie man genau vorgehen muß, wenn es ans Schnauben geht. Oder auch beim Pinkeln. Das führte dann zu offenen Hosenschlitzen. Oder beim Biertrinken, wenn man feststellte, daß der Kronkorken noch nicht ab war. Oder wenn man sich die Zigarette am Filter anzündet.
Die Liste war endlos.
Die Ursache: Unbewußtes Leben und Handeln.
Abhilfe: Konzentrierter. Bewußter. Leiser. Behutsamer.
Bewegen wir uns vom Verlust eines Schlüssels zum tiefen Grübeln?
Er muß mir aus der Tasche gefallen sein, als ich die Taschentüscher herauszog.
3 Minuten später stand ich zwischen den Bäumen und hielt triumphierend mein Schlüsselbund in der Hand.
Einmal mehr mit einem blauen Auge davon gekommen.
Ein Krankenwagen raste mit Blaulicht und tönenden Sirenen auf der Straße vorbei in Richtung Hafentunnel. Ohrenbetäubender Lärm.
Ich hatte den Lärm unterschätzt, als ich die Wohnung nahm. Mittlerweile dachte ich häufiger an Auszug und Umzug als in den ganzen letzten 8 Jahren meines Lebens.
Dann war es Still.
Totenstill.
Ich war ein wenig verdutzt. Wie kam das denn? War vielleicht etwas im Tunnel passiert?
Beschleunigten Schrittes ging ich zur Straße und schaute nach rechts die Straße entlang. Da war nichts.
Aber da war gerade eben noch ein unglaublich lauter Krankenwagen. Und der konnte doch nicht einfach so lautlos werden?
Seltsam.
Ich nahm die Ohrstöpsel meines Players aus den Ohren und lauschte angestrengt.
"Hey!"... hallte es aus dem Tunnel.
Ich ging in die Richtung. Man wußte ja nie. Vielleicht brauchten sie Hilfe. Vielleicht waren es nur ein paar der sinnlosen Gestalten, die immer in der Nähe meiner Wohnung rumlungerten.
Vielleicht war es das komische Pärchen, die sich ab und zu lautstark auf der Straße stritten:
"Ich fick dich in den Arsch. Und deine Mutter auch. Du Scheißtürke. Ich fick dich in den Arsch.", schrie sie dann. Und er packte sie am Arm und zischte irgendwas.
Und ich setzte mich dann irgendwo hin und tat gar nichts. Oder ich trank einen Schluck Wasser. Und dachte ans Umziehen.
Wer auch immer das im Tunnel war. Er rief noch einmal.
"Hey!"
Also ging ich den Weg in den Tunnel herunter und sah einen jungen. Ein Teenager vielleicht. Konnte ich schlecht erkennen. Er winkte mit den Armen.
"Hey!"
Ich dachte, ich könnte vielleicht mal antworten.
"Ähm.. Hey? Was ist los?"
In dem Moment hörte ich ein Quietschen und mein Herz raste wie wild.
Ich stand auf der Kreuzung am Eingang des Hafentunnels und links von mir guckte mich ein völlig schockiertes Gesicht an.
Es gehörte zu einer jungen Frau, die ein rotes Auto fuhr und mich beinahe überfahren hatte.
Nach dem ersten Schock tippte sie sich an die Stirn, fuhr um mich herum und war verschwunden.
Der Junge auch.
Der Adrenalinstoß wirkte noch nach. Zuerst rannte ich von der Strasse weg. Dann rannte ich zum Haus.
Dann rannte ich die Treppe hoch und schloß die Tür auf.
Ich schlüpfte in meine Wohnung und schloß die Tür.
Wegen der eindringenden Kälte.
Und zu meiner eigenen Sicherheit.
Zum ersten Mal, seit ich dort wohnte, schloß ich von innen ab.


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