
Der Bart machte ihn zu alt. Passte nicht. Abgesehen davon, dass ich sowieso nicht viel von Vollbärten hielt, waren sie meiner Ansicht nach in den Gesichtern von Teenagern fehl am Platz. Normalerweise hatte man es in solchen Fällen auch eher mit leichtem Flaum zu tun, doch mit was ich hier konfrontiert wurde, bewegte sich bereits im ausgewachsenen Gotteskriegerbereich.
"Der Bart macht dich zu alt.", warf ich ihm einen Gesprächsfetzen hin.
"Wie alt sollte ich denn sein?", wurde mir entgegnet.
"Was weiß ich? Vierzehn? Fünfzehn? Ist schwer zu schätzen... und mit dem Bart erst recht."
In dieser Art und Weise liefen die meisten Gespräche zwischen mir und dem Jungen ab. Es waren keine wirklichen Dialoge. Eher Zwiegespräche. Als würde man mit sich selbst reden. Oder mit einem eingebildeten Gesprächspartner.
Und das hatten wir ja bereits geklärt, oder?
"Wie alt hättest du mich denn gerne?"
"Komm' mir nicht schon wieder mit der Tour. Das geht mir langsam wirklich auf die Nerven."
"Und wenn ich sage, dass ich einfach so alt bin, dass es schon passt?"
"Dann gehst du mir auf die Nerven.", brummte ich.
So ging das dann immer weiter. Es brachte nichts. Ebenso gut hätte ich meine Zeit auch mit Fernsehen verplempern können. Komplett sinnfrei.
"Das Alter ist egal. Es kommt nur darauf an, dass ich kein alter Mann bin. Oder ein Kind. Oder eine Frau. Oder ein Mädchen. Eine alte Dame. Alles was zählt ist, dass ich ein Junge bin."
"Jaja, schon klar. Ist mir jetzt auch egal. Der Bart steht dir trotzdem nicht. Du siehst damit einfach nicht aus wie ein Junge. Was sollte das überhaupt mit dem Ding?"
"Ich find's schick.", antwortete mir der alterslose Typ.
Schick. Bärte. Ich verzichtete darauf eine endlos lange Tirade gegen Bärte zu führen, die alle möglichen Klischees von Essensresten bis zu kratzenden Küssen und Hägar-der-Schreckliche-Referenzen aufgefahren hätte und blickte stumpf in den Himmel.
"Ich heiße übrigens Amos.", sagte Amos auf einmal.
Da musste ich dann doch stutzen. Wie lange war das jetzt her seit der ersten Begegnung? Drei, vier Monate? Und ich hatte noch nie über seinen Namen nachgedacht. Es hatte sich auch bis jetzt noch nicht als notwendig erwiesen. Weder hätte ich ihn anrufen, noch sonst auf eine andere Weise finden können. Er tauchte einfach immer mal wieder in regelmäßigen Abständen auf. Und dann plauderten wir in dem altbekannten Pingpong miteinander und nichts änderte sich. Gar nichts.
Gar nichts?
"Amos, rasier' dich, bevor wir uns das nächste Mal sehen. Der Bart irritiert mich."
Und damit war das dann auch erledigt. Er stand auf, setzte sich auf sein Rad und fuhr weg.
Die Szene mit dem Rad hatte beinahe schon etwas beruhigend Traditionelles. Wenn die ersten Kontakte noch mit billigen Schockmomenten wie unerwarteten Telefonanrufen oder plötzlichem Auftauchen auf meiner Treppe gewürzt waren, liefen sie mittlerweile immer gleich ab.
Ich musste nur auf die Strasse treten, nach links blicken und sollte es einer dieser Tage werden, dann sah ich Amos aus dem Tunnel fahren. Auf seinem Rad. Wir würden uns auf das Geländer setzen, an dem die Räder der Hausbewohner angekettet wurden und dann palaverten wir in der altbekannten Art und Weise.
Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als ich ihn so auf mich zufahren sah.
Eine kurze Bestandsaufnahme meiner Lebensmittelvorräte brachte mich zu dem Schluss, dass ein Einkauf im nahe gelegenen Supermarkt nicht die schlechteste aller denkbaren Alternativen wäre. Also griff ich die Leinentasche mit dem Kante-Aufrduck, das Bottlebag und meine Umhängetasche und hüpfte die Stufen runter.
Kaum war ich vor der Tür, blickte ich instinktiv nach links und Amos... dessen Namen ich damals natürlich noch nicht kannte, sonst hätte ich vielleicht "Hey, Amos!" gerufen, denn "Hey, Junge!" hört sich ziemlich dämlich an, weshalb ich am Ende gar nichts rief....kam angeradelt.
Er hatte einen Rucksack dabei, der nicht zu ihm passte. Das lässt sich jetzt nicht so einfach erklären, denn eigentlich war es ein völlig normaler Standardrucksack. Ein Rucksack, der von jedem Menschen getragen werden kann, ohne dass man allzu viel Aufmerksamkeit darauf verwendet hätte.
Aber in diesem besonderen Fall, hing der Rucksack auf Amos' Rücken und strahlte Fremdartigkeit aus. Diese Tasche gehörte nicht zu ihm. Das spürte man förmlich.
Als er sein Rad gegen das Geländer lehnte, sprach ich ihn darauf an.
"Gefunden?", fragte ich mit einer Handbewegung Richtung seines Rückens.
"Nein. So kann man das nicht sagen.", antworte Amos.
"Sondern?"
"Es ist manchmal einfach so, dass ich in Situationen gerate, die ich mir nicht ausgesucht habe. Doch kaum entsteht eine solche Situation, weiß ich sofort, warum ich in ihr bin. Und dann handele ich automatisch."
"Ich frage ja nur, weil ich das Gefühl habe, dass er nicht dir gehört."
"Tut er auch nicht. Ich habe ihn aus einem Zug mitgenommen. Aber diese Handlung ist Teil einer anderen Geschichte, die mit dir nichts zu tun hat. Dass wir uns unterhalten, dass ich deinem Timing auf die Sprünge helfe spielt auf einer anderen Bühne. Der Rucksack ist das Bindeglied zu einem anderen Menschen in einem anderen Gefüge. Seltsam genug, dass ich ausgerechnet jetzt mit dem Ding rumgefahren bin. Das ist schon ewig her, dass ich den mitgenommen habe. Kann sogar in der Nacht gewesen sein, als wir uns im Park getroffen haben. Was für ein Zufall, nicht?"
"Hast du nie daran gedacht, ihn zurückzubringen."
"Wie gesagt... ich weiß immer nur dann, was ich machen muss, wenn die Situation akut ist. Und heute hatte ich einfach das Gefühl ich sollte das Teil mitnehmen. Weißt du, es ist ja nicht so, als wüssten die Menschen immer was ihnen fehlt. Also was ihnen wirklich fehlt. Erst wenn sie etwas wirklich suchen, kann ich helfen. Und diese Bereitschaft zum Suchen kannst du bei manchen mit der Lupe suchen."
Er schien tatsächlich ein bisschen stolz auf das doppelte Verwenden von Suchen zu sein. Ich selbst fand's sprachlich holprig, aber das wollte ich ihm in dem Moment nicht vor den Latz knallen.
"Also bist du eigentlich auf dem Weg zu dem anderen Kerl?"
"Anscheinend."
"Dann lass' dich nicht aufhalten. Ich will ja nicht dein Timing sabotieren."
"Das hat schon alles seine Richtigkeit.", pfiff er in den Wind, der ihn die Strasse runter trieb. "Deine Perspektive ist immer noch viel zu egozentriert. Begib' dich mal 'ne Ebene höher und beziehe nicht immer alles, was passiert, auf dich."
Ich begriff nicht, was das mit meinem Sabotagesatz zu tun hatte. Ich konnte es auch damals noch nicht begreifen.





